Ein Spaziergang mit Ibsen
Mit seinem besonderen Gespür für die menschliche Psyche und gesellschaftliche Mechanismen zählt Henrik Ibsen zu den größten Schriftstellern aller Zeiten. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre in Oslo, und wenn du mehr über sein Leben und Werk erfahren möchtest, gibt es kaum einen besseren Ort.
Es gibt immer noch vieles, was an sein Leben hier erinnert, und einiges ist mit dem täglichen Spaziergang verbunden, den der Dichter durch die Stadt zu machen pflegte.
Henrik Ibsen wohnte mehrmals in Oslo, jedoch begann sein längster und am häufigsten erwähnter Aufenthalt 1891, als er nach 27 Jahren freiwilligem Exil in Deutschland und Italien wieder nach Oslo zog. Der zu diesem Zeitpunkt bereits international bekannte Schriftsteller war eine willkommene Bereicherung des kulturellen Lebens in der Hauptstadt.
Zuerst fand er eine Wohnung in dem modernen Wohnkomplex Victoria Terrasse, wo er bis Herbst 1895 wohnte. Hier gefiel es ihm gut, und er hatte oft Gäste zum Abendessen, u. a. den norwegischen Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson. Bei diesen Anlässen war die Stimmung stets gut, und es wurde viel gelacht. In seinem kleinen Arbeitszimmer schrieb er die Dramen Baumeister Solness und Klein Eyolf.
Im Herbst 1895 bezog Henrik Ibsen eine Wohnung in der Straße Arbins gate, in der er bis zu seinem Tod 1906 wohnte. Vor seinem Fenster versammelten sich mitunter Schaulustige, in der Hoffnung, einen Blick auf den weltberühmten Dichter erhaschen zu können. Später schrieb er hier das Drama John Gabriel Borkmann sowie sein letztes Drama Wenn wir Toten erwachen.
Kurz nach seinem Umzug nach Oslo begann Ibsen mit seinen täglichen Spaziergängen wie er sie auch schon in anderen europäischen Städten unternommen hatte. In Oslo führten diese hinunter ins Grand Café. Zeitpunkt und Route waren stets dieselben, und durch diese Gewohnheit wurde Ibsen zu einer lebendigen Touristenattraktion.
Wir wandern auf Ibsens Spuren und machen unterwegs ab und zu Halt, um einige wissenswerte Dinge über diesen berühmten Schriftsteller und sein Oslo zu erfahren.
In der Arbins gate zur Tür hinaus
Jeden Tag zur selben Stunde verließ Ibsen seine Wohnung in der Arbins gate 1. Wenige Meter vor seiner Haustür verlief die Straße Drammensveien, die heute zu Recht Henrik Ibsens gate heißt. Auf dieser Straße gelangte er in die Innenstadt.
Worüber der alte Schriftsteller nachdachte, wenn er durch sein nobles Viertel spazierte, kann man nur vermuten, aber er konnte zweifellos auf eine beachtliche Karriere zurückblicken.
Ibsens Schaffen kann nicht hoch genug bewertet werden. Er wurde als Vater des Prosadramas und des modernen Theaters bezeichnet. Sein Name wird im gleichen Atemzug wie Shakespeare genannt, und er hat unter anderem Joyce, Shaw, und O’Neill entscheidend beeinflusst. Seine Werke wurden in 78 Sprachen übersetzt (und es kommen immer noch neue Sprachen hinzu), und seine Stücke werden überall auf der Welt aufgeführt.
Vorbei am Nationaltheater
Das Nationaltheater in Oslo wurde 1899 eröffnet. Ibsen hatte sich vorher für den Bau des Theaters an dieser Stelle, mitten im Herzen von Oslo, eingesetzt und konnte nun seine Fertigstellung beobachten, wenn er daran vorbeiging.
Vor dem Theatergebäude siehst du Stephan Sindings Skulpturen der Dichter Bjørnstjerne Bjørnson und Henrik Ibsen, die bei ihrer Enthüllung 1899 für Aufsehen sorgten. Die Kritiker meinten u. a., dass die Sockelelemente, ursprünglich mehr als es heute sind, „aufeinander gestapelten Käselaiben“ ähnelten. Die Kritik war so heftig, dass Sinding Norwegen verließ und die dänische Staatsbürgerschaft beantragte.
Ibsen trug das Ganze mit Fassung und war außerdem der Meinung, dass seine Skulptur besser als Bjørnsons sei.
Die Rivalität der beiden Giganten der norwegischen Literatur war wohlbekannt, aber die beiden verband auch eine enge Freundschaft. Nachdem Ibsen als Intendant des Kristiania norske Theater in Schwierigkeiten geraten war, war es Bjørnson, der ihn zu einem Auslandsaufenthalt ermunterte.
Während Ibsens Werke international bekannt wurden, schaffte es Bjørnson zuhause, mit seinem Einsatz für Flüchtlinge, Gerechtigkeit und eine klassenlose Gesellschaft die Norweger zu einen. Die Skulpturen vor dem Nationaltheater zeigen Ibsen als einen in sich gekehrten Mann, der auf seine Schuhe starrt und Bjørnson als einen Landesvater, der alles im Blick hat.
Am Nationaltheater werden Ibsens Stücke immer wieder auf traditionelle sowie auf neuartige Weise interpretiert, intellektuell oder konventionell inszeniert, analysiert und bearbeitet.
Die Karl Johans gate hinab
Um die Jahrhundertwende war Oslos Hauptstraße Karl Johan die Paradestraße der Mittel- und Oberschicht der Stadt. Wenn Ibsen die Karl Johan gate entlang spazierte, muss er genau die gleiche Art Menschen getroffen haben, die in seinen bekanntesten Stücken vorkommen.
Ibsen ist dafür bekannt, das Theater von Rittern, Feen, Hexen und ähnlichen Charakteren in unterschiedlichen Handlungen befreit zu haben. Stattdessen führt er uns in Stücken wie Nora, Gespenster, Hedda Gabler und Die Wildente in die Wohnzimmer der normalen Bürger und zeigt das bürgerliche Leben mit seinen vielen dunklen, streng gehüteten Geheimnissen.
Er forderte das gerade befreite Europa heraus, seine Laster und Heuchelei zu hinterfragen, was sowohl Empörung als auch Erstaunen auslöste.
Ein Blick auf die Uhr
Auf der Karl Johan Straße blieb Ibsen stets vor der Uhr stehen, die im Fenster des Hauptgebäudes der Christiania Universität hing (und immer noch hängt), um sich zu vergewissern, dass er pünktlich war und zu prüfen, ob seine Taschenuhr richtig ging. Ibsens Uhr war eine Waterbury-Uhr und nicht besonders prächtig, aber sie erfüllte ihren Zweck.
Der Dichter war auf seinem Spaziergang im alten Kristiania eine Attraktion und oft umringt von Menschen, die ihn sehen, anfassen oder mit ihm sprechen wollten. Aber Ibsen war ein scheuer Mensch und konnte vor fremden Menschen nicht seine „Seele entblößen“.
Hinein ins Grand Café
Jeden Tag, pünktlich um zwölf Uhr, betrat Henrik Ibsen das Grand Café. Er hatte seinen eigenen Tisch und trank hier jeden Tag das Gleiche: ein kühles Bier und einen Schnaps.
Ibsen selbst begründete seine Besuche im Grand Café damit, dass es dort eine gute Auswahl an ausländischen Zeitungen gab.
Das Grand Café war zur damaligen Zeit ein beliebtes Stammlokal für Bohemiens und Künstler, und viele wunderten sich darüber, dass Ibsen in einem solchen Lokal verkehrte. Aber Ibsen ließ sich von dem Boheme-Milieu mit Edvard Munch und den anderen, die hier verkehrten, inspirieren.
Damals wie heute lag das Grand Café schräg gegenüber dem norwegischen Parlamentsgebäude, aber Ibsen hätte es sich verbeten, als politisch bezeichnet zu werden. Er sah es als seine Aufgabe an, Fragen zu stellen – nicht zu beantworten. Obwohl er Stücke wie Nora oder Ein Puppenheim schrieb, betonte er, dass ihm niemand für den Einsatz in der „Frauensache“ danken solle.
Er war sich nicht einmal sicher, was die „Frauensache“ war – für ihn war das alles eine „Menschensache“.
Henrik Johan Ibsen (1828–1906)
- Norwegischer Dramatiker, Theaterregisseur und Dichter.
- Vertreter des Realismus und Begründer des modernen Theaters.
- Zu den Hauptwerken gehören Brand, Peer Gynt, Ein Volksfeind, Nora oder Ein Puppenheim, Hedda Gabler, Die Wildente, Baumeister Solnes, Gespenster.